Veröffentlicht in Rezensionen, Zeitgenössisches

Erstarrt in Vorpommern

Seid Ihr auf der Suche nach einem Roman, der Euch umhaut und gleichzeitig schockiert – und zwar nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern ganz subtil? Dann greift Euch Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky. Hauptprotagonistin Inge Lohmark unterrichtet Biologie an einer Schule in Vorpommern, der die Schüler ausgehen. Die Schließung ist beschlossene Sache. Doch die Lohamrk macht unbeirrt weiter. Sie gehört zu den zurückgelassenen in einem verlassenen Landstrich. Was bleibt ihr weiter?

Die Stadt schrumpft, ein weit verbreitetes Phänomen in Mecklenburg-Vorpommern. So steht also fest: Die Schule im Ort schließt. Biologielehrerin Inge Lohmark lässt sich davon scheinbar nicht berühren. Sie macht weiter – mit einer über Jahre angeeigneten unbestechlichen Strenge. Schalanskys Roman nennt sich im Untertitel Bildungsroman, doch die Innensicht von Inge Lohmark offenbart keinen Geist, der sich am Leben und an Erfahrungen, an der Bildung noch formen lässt. Inge Lohmark ist erstarrt. Diese Starre treibt merkwürdige Blüten: Die Lehrerin kategorisiert ihre Schüler, betrachtet menschliche Beziehungen mit biologischen Begriffen. Das ist ausgesprochen unterhaltsam. Vor allem entdeckt man eigene Mitschüler in ihren Beschreibungen wieder. So gibt Judith Schalansky den Kapiteln auch wissenschaftliche Titel: Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge und Entwicklungslehre.

Ein klammes Gefühl entsteht

Die Lehrerin entpuppt sich dabei als unfähig zur Entwicklung, sie hat keinen ernsthaften Kontakt zu ihrer Tochter, mit ihrem Mann hat sie sich arrangiert, um Liebe scheint es dabei nicht zu gehen. Ihre Zeit des Protests ist vorüber, ist vermutlich mit ihrem Mitgefühl für ihre Schüler erloschen.

Das ist der Moment, in dem beim Lesen ein klammes, unbehagliches Gefühl entsteht, das bis zur letzten Seite nicht mehr richtig verschwinden will. Das aber macht die Qualität des Romans aus: Judith Schalansky gelingt eine beeindruckende psychologische Studie einer Frau, die der Ansicht ist, sich alles vom Leben geholt zu haben, was ging, die ihre Ambitionen vor langer Zeit abgelegt und ihr Herz verschlossen hat. Eine solche Hoffnungslosigkeit wird sicherlich überall geboren, aber sie erscheint als logische Antwort auf einen Landstrich, der verlassen wird, der bald nur noch von Rentner und den Übriggeblieben bevölkert ist, in dem das Leben aufhört zu pulsieren.
Und da gibt es noch jenen Moment, in dem eine Schülerin an Lohmarks Panzer rüttelt.

So gesehen ist Schalanskys Roman eigentlich ein Anti-Bildungsroman: Ihre Protagonistin hat ihre Evolution abgeschlossen, hat sich in ihrem unnahbaren Eigenbrötlertum der Umwelt scheinbar angepasst, sie wird keinen Entwicklungssprung mehr machen. Doch ein Bildungsroman ist Der Hals der Giraffe für den Leser: Inge Lohmark stellt erstaunliche, amüsante Verbindungen zwischen Tierreich und menschlicher Gesellschaft her. Das alles würde einen nicht so in den Bann ziehen, wenn Judith Schalansky nicht so einen sprachlich brillanten Wahnsinnsroman hingelegt hätte.

Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe, Suhrkamp Verlag Berlin,
ISBN 978-3518463888

Autor:

Bücherwurm, Schreiberling, Handballerin

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