Veröffentlicht in Rezensionen, Zeitgenössisches

In der Handball-Hölle

Handball ist das Größte. Na ja, fast. Ich muss gestehen, Kretzsches Begeisterung ist ansteckend. Und es gilt das Gesetz: Einmal Handballer, immer Handballer. Das schließt mich mit ein. Und Handball ist Wahnsinn. Warum verrät Stefan Kretzschmar in seinem zweiten Buch Hölleluja, das bereits im Vorfeld der vergangenen Weltmeisterschaft im Januar erschienen war. Ich wollte es auch gern im Vorfeld lesen, bin nur nicht dazugekommen. Ganz ehrlich: Kretzsches Handball-Anekdoten lassen sich jederzeit lesen. Sie machen zum Beispiel richtig Lust darauf, die SG Flensburg-Handewitt einmal in ihrer eigenen Halle, der berüchtigten Hölle Nord, zu erleben. Beim deutschen Rekordmeister THW Kiel geht’s übrigens deutlich gesitteter zu, sagt Kretzsche.

Zu klein für Handball

Der einstige Weltklasse-Linksaußen wirft in Hölleluja einen Blick auf den Handball-Zirkus, er blickt zurück auf seine Karriere, erzählt von entscheidenden Momenten, von Erfolgen und Niederlagen. Das Buch ist jedoch keine Autobiografie, im Grunde ist es eine Liebeserklärung an seinen Sport, für den er anfangs zu klein war. Kretzsche hat gemeinsam mit Co-Autor Nils Weber (Redakteur bei der Hamburger Morgenpost) dargestellt, wie sich der Handball verändert auch. Wie gewohnt nimmt er auch kein Blatt vor den Mund, wenn er Neuerungen wie die Einführung des siebten Feldspielers (Einschub für die Nichthandballer: Eigentlich sind es nur sechs, der Torhüter läuft ganz schnell zur Bank und wechselt mit einem Feldspieler, das Tor bleibt so lange leer) unsinnig und vor allem schädlich für den Sport findet.
Mann oder Maus? ist da erste Kapitel überschrieben, in dem Kretzsche von seinem denkwürdigen Champions-League-Einsatz in Skopje erzählt. Auf Drängen seines damaligen Trainers Alfred Gislason reiste er mit Bandscheibenvorfall an und stand gar auf der Platte. Mit dieser Anekdote beginnt er beim Selbstverständnis der Handballer, die sich für die richtig Harten halten. Das kommt auch nicht von ungefähr. Beim Handball muss man einstecken können. Auf der Platte ist kein Platz für Memmen. Später spricht der einstige Welthandballer auch ausführlich über Fouls, faire und fiese. Dabei geht er mit sich selbst ins Gericht und beichtet seine größte Foul-Sünde.

Die Großen an der kurzen Leine

Keine Frage, Kretzschmar spricht viel über sich, plaudert aus seinem Handballerleben, in dem er ja auch reichlich Erfahrungen gesammelt hat. Doch er erzählt auch von anderen, verneigt sich vor den Großen seines Sports, verteidigt das Gehalt von Nikola Karabatic, bewundert hemmungslos die Wurftechnik von Uwe Gensheimer. Und er bedauert unvollendete Karrieren wie die von Oleg Velyky. Er starb mit nur 32 Jahren an Krebs. Ich erinnere mich noch gut an ihn. Er war ein brillanter Rückraumspieler, dessen Stärke und Lebenswillen ich damals bewunderte. Velyky kämpfte seit 2002 gegen den Krebs und ließ nie ab vom Handball.
An verschiedenen Spielern verdeutlicht Stefan Kretzschmar, was eigentlich einen Mannschaftskapitän auszeichnet, wer sich eignet, und unter welchen Bedingungen manche nie in die Rolle hineinwachsen können, weil eben schon Anführer im Mannschaftsgefüge existieren. Er spricht auch viel über seine ehemaligen Trainer und wie sie sein Handballerleben prägten. Oder auch wie sie sich im Laufe der Zeit veränderten – so lernte Heiner Brand, seine Spieler etwas lockerer an der Leine zu halten.

Nichts für Zartbesaitete und Schöngeister

Kretzsches Hölleluja ist ein sehr persönliches Buch, er spricht auch über das Verhältnis zu seinen Eltern, vor allem zu seiner Mutter, das über lange Jahre ein zerüttetes war. Er erzählt, wie schwer es diesen beiden Handball-Idolen nach der Wende fiel, sich eine neue Existenz aufzubauen, denn ihre alte wurde ihnen unter den Füßen weggezogen. Kretzsche verschweigt auch nicht, wie stolz er auf seinen beiden Kinder ist, die inzwischen selbst Handballer sind.
Stefan Kretzschmars Einblick in die Handballwelt ist sicher nichts für Zartbesaitete, es ist auch nichts für Schöngeister, die geschliffene und polierte Satzkonstruktionen erwarten. Nein, hier spricht einer, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das ist gut so. Es macht diese Liebeserklärung an den schönsten Sport der Welt authentisch. Es ist ein unterhaltsames Buch, ich habe es mit Vergnügen gelesen und empfehle es jedem Handballfan und jedem, der schon immer mal wissen wollte, was bei einem Handballspiel so abgeht.

Stefan Kretzschmar/Nils Weber, Hölleluja, Edel Books, ISBN 978-3841906458

Autor:

Bücherwurm, Schreiberling, Handballerin

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