Veröffentlicht in Lieblingsbücher, Rezensionen, Zeitgenössisches

Vom göttlichen Willen

Schwierig, schwierig: Welchem Buch widme ich den ersten Beitrag, dem gerade erst gelesenen oder lieber einem von der Ewigen-Liste? Meinem Bauchgefühl folgend halte ich mich an einen Ewigen, an einen Roman, den ich eigentlich jedem ans Herz lege.  An einen Roman, von dem ich denke, dass ihn jeder, der über etwas Grips und Humor verfügt, gelesen haben sollte: Harry Mulisch Die Entdeckung des Himmels. Worum es geht? Tja, der niederländische Autor baut ein Panoptikum auf. Er thematisiert Schöpfung, Liebe, Religion, Philosophie, Astrophysik, Schicksal und den freien Willen. Unter anderem. Es steckt noch viel mehr drin.

Meine Begeisterung für Mulischs Roman führt dazu, dass ich mir bereits das fünfte Exemplar gekauft habe. Nicht weil ich verschiedene Ausgaben sammle, sondern weil ich die ausgeliehenen Bücher nicht wiederbekomme. Entweder teilen die Leute meine Begeisterung für diesen Roman nicht und scheuen sich, es mir zu sagen, oder sie finden ihn selbst so toll, dass sie das Buch nicht mehr herausrücken. Ist mir beides recht. Im ersten Fall geben sie meinem Favoriten vielleicht irgendwann noch einmal eine Chance, im zweiten hat Mulisch ganze Arbeit geleistet.

Eine Frau zwischen zwei Männern

Mulischs Roman verdient das Prädikat Meisterwerk. Die Entdeckung des Himmels fällt in die Kategorie Bildungsroman. Klingt antiquiert, staubig und nach schwerer Kost. Ist es aber nicht. Es ist eine großartige, ausgefallene Geschichte um zwei ungleiche Freunde. Max Delius ist Astrophysiker, Onno Quist ein politisierender Linguist. Beide verlieben sich in die gleiche Frau: Ada. Mulisch spinnt seinen Plot aber gar nicht zu einer desaströs endenden Menage a trois weiter. Wer das erwartet, sollte den Roman ganz schnell beiseite legen. Um Liebe geht es nur am Rande.

Die Geschichte führt jedenfalls zu Quinten Quist, einem Jungen, der zwar ohne Mutter, aber dafür mit zwei Vätern aufwächst. Nicht allein das macht ihn zu einem ungewöhnlichen Jungen, für den das Schicksal eine große Aufgabe vorgesehen hat. Mehr wird hier nicht verraten, ansonsten verderbe ich Mulischs großartige, geniale Pointe. Die Entdeckung des Himmels ist ein wundersames Spiel mit Schicksal, göttlicher Fügung und dem freien Willen. Vor allem rückt der Roman das Selbstbild der Menschheit als Krone der Schöpfung zurecht.

Spielbälle höherer Mächte

Der niederländische Autor hat einen atypischen Bildungsroman verfasst: Denn Quinten muss sich keinesfalls selbst finden. Es schadet seiner Entwicklung sicherlich nicht, dass seine beiden Väter so grundsätzlich verschieden auf die Welt blicken. Doch eigentlich ist es Onno, der den Weg zu seinem Sohn finden muss. Und zu einer anderen Sicht auf die Welt. Der Leser weiß von Beginn an, dass die Vier – Onno, Max, Ada und Quinten – Spielbälle höherer Mächte sind. Dafür sorgt Mulisch mit seiner himmlischen Rahmenhandlung. Die Engel arbeiten an einem großen Plan, für den sie die Vier brauchen und ihr Schicksal lenken.

Zu welcher Großtat Quinten allerdings auserkoren ist, bleibt lange im Ungewissen. Und wie seine Tat die Welt verändert, verrät Mulisch klugerweise nicht. Sie könnte das menschliche Selbstverständnis in seinen Grundfesten erschüttern. Dieses Gedankenspiel überlässt Mulisch ganz dem Leser. Aber ganz abgesehen von dem originellen Plot, den der niederländische Autor ausbreitet, ist er auch ein ganz wunderbarer Erzähler, der verstanden hat, dass man den Leser nicht mit staubigen Abhandlungen über Philosophie oder Naturwissenschaften langweilen muss, um als ernsthafter Schriftsteller zu gelten. Versteht mich nicht falsch, Mulisch flicht sehr geschickt die verschiedenen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen ein. Doch er geizt auch nicht mit Action: Unfälle, Liebschaften auf einer Revoluzzer-Insel und herabstürzende Asteroiden enden in überraschenden Wendungen. Diese Mischung macht’s. “Die Entdeckung des Himmels” ist ein Stück Weltliteratur, das mich immer wieder schmunzeln ließ.  

Harry Mulisch, Die Entdeckung des Himmels, rororo, ISBN 978-3499134760

Autor:

Bücherwurm, Schreiberling, Handballerin

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